Rezension – Robert Meier: 1628 Wertheim – Eine Stadt in Krieg und Hexenverfolgung

ISBN: 978-3-89754-464-2 // 1. Auflage 2015 // Verlag J.H. Röll GmbH Dettelbach // 119 Seiten // 14,95€
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“Robert Meier ist Historiker und Archivar am Staatsarchiv Wertheim. […] Ab Oktober 2012 erschien wöchentlich ein Blogbeitrag auf seinem Blog “1628 Wertheim, ein historiographisches Blog”. Jeder Beitrag dokumentierte Ereignisse aus genau einer Woche dieses Jahres, so dass das Vergehen der Zeit sozusagen in Echtzeit nachvollzogen werden konnte. Mit der vierten Juliwoche des Jahres 1630, in der zum dritten Mal seit 1628 in Wertheim Hexen verbrannt wurden, wurde das Blog im September 2014 geschlossen. Der hier vorliegende Text bringt den Text dieses Blogs nun in Buchform.” (Auszug Klappentext)
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Robert Meier berichtet ohne Kommentar und lässt die Archivalien sprechen. Das macht dieses Buch sympathisch: Ohne Pathos und Wertung lässt er die historischen Schriftstücke für sich stehen, er paraphrasiert lediglich und macht sie für heutige Leser damit verständlich.
Die wöchentliche Unterteilung hat jeweils einen kurzen Titel, der auf den Inhalt vorausdeutet. Der Inhalt selbst kann völlig unspektakulär sein: “Nach Lohr verlobt” beispielsweise erzählt: “Sebastian Heim erbittet für seine Stieftochter Christina, die sich nach Lohr verlobt hat, die Entlassung aus der Leibeigenschaft. […] Das Spital kauft für sich zusammen drei Batzen vier Stockfische von Niklas Schürger und Paul Haas.”
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Genau diese Art des Schreibens ist kein Erzählen im eigentlichen Sinn: Namen von Menschen stehen unkommentiert mit den zeitgenössischen Gegebenheiten für sich, so kann sich der Leser selbst einen Eindruck machen über alltägliche Vorkommnisse – und genau diese Alltäglichkeit lässt einen gelegentlich Lächeln, gelegentlich auch Stocken. Ob ein geliehenes Reitpferd tot umfällt und dies in den Archivalien mit “Der Dicke fällt tot um” vermerkt ist, oder ob zu einer Hexenverfolgung zu Protokoll gegeben wird “Am selben Tag werden Hans Stark und Appolonia Clement verhört. Die Clement leugnet. ‘Hierauf ist sie gebunden und ein Schenkel gekrümmet, auch am Kopf geschoren worden.’ Sie gesteht. […] Am selben Tag gesteht auch Margaretha Klein: Vor fünf Jahren ist der Teufel das erste Mal zu ihr gekommen.
Einige Namen kehren immer wieder, so zieht sich zum Beispiel ein Streit zwischen zwei Juden durch das komplette Buch, und man lernt die beiden auf gewisse Art kennen. Gerade die Namen sind es, die der Geschichte ein Gesicht geben, schließlich handelt es sich bei jedem einzelnen um ein historisches Zeugnis, nicht um eine Erfindung eines einsamen Archivars.
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Die Umgebung von Wertheim am Untermain liegt (naturgemäß) im Fokus des Buches. Meier beruft sich dabei auf Archivalien aus damaligen Institutionen: Die Kanzlei Wertheim, die Rentei, das Almosen, das Hühnervogtei- und Zinsamt, die Hausvogtei, die Stadt Wertheim und das Kloster Bronnbach. Dies gibt einen umfassenden Überblick über Geschehnisse der beiden Jahre.
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Was das Buch enthält: Historisches, Hexenverfolgung, 30jähriger Krieg, Re-Enactment (bedingt), Untermain, Spessart, Archivalien (inkl. Quellenverweise auf Archivalien), 1628-1630, Zeitgenössisches
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Was das Buch nicht enthält: Entertainment, ein Glossar für Währung und Maße (wäre nett gewesen, tut der Sache aber keinen Abbruch), ausführliche Erklärungen, historische Zusammenhänge
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Fazit: Ein schlaglichtartiger Einblick in zwei Jahre Lokalgeschichte muss nicht in historische Zusammenhänge eingebettet sein. Erkärungen am Rande hätten den Gesamtcharakter des Buches möglicherweise verzerrt – allerdings macht das Fehlen jeglicher Erklärung zu Fachbegriffen, einiger Sitten und anderen Details den Zugang nicht gerade einfach. Dies ist aber auch der einzig negative Punkt an diesem Werkt, das seinen eigenen Anspruch an sich selbst genau einhält: Anhalt von größeren bis kleinsten Schriftstück(ch)en eine Skizze zweier Jahre Stadtgeschichte zeichnen. Und das gelingt hervorragend.
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