Rezension – “HOW TO MAKE A HISTORICAL EVENT INVOLVING RE-ENACTMENT GROUPS”

ISBN 978-606-93400-5-9 // Trondheim Vikinglag 2015 // 36 Seiten
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“Ingrid Galadriel Aune Nilsen […] has a degree in drama/theatre from NTNU; her thesis focusing on historical re-enactment as a genre and the use of historical re-enactment in museums and educational programs. She is currently working as a museum educator at the Sverresborg Trøndelag Folk Museum. Ingrid is also the leader of Trondheim Vikinglag, a Viking re-enactment group focusing on the Viking age in the Trøndelag (mid-Norway) area.” [aus der besprochenen Lektüre]
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Die Broschüre (oder: das Büchlein) von Ingrid Nilsen erhebt recht schnell einen hohen Anspruch: “The guide will look at both the practical, aesthetic and social aspects of organizing a historical event that involves historical re-enactment groups and artists.” – So sollen in einer 36-seitigen Broschüre alle Aspekte abgedeckt sein, die man mal eben so braucht, um einen Markt oder ein Festival zu organisieren?
Schauen wir ins Inhaltsverzeichnis:
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Testimonial (Alban Depper, Re-enactor, über den Trondheim Viking market)

Gut, hier spricht jemand lobend über den Markt in Trondheim allgemein. Das ist legitim und entzieht sich einer Bewertung natürlich.

Introduction (Nilsen über Trondheim Viking Market als Organisator)

Eine kleine Einleitung, die erklärt, was seit wann gemacht wird. Ein guter Überblick, so bekommt der Leser ein Gefühl für den Gesamtumfang der Erfahrungen der Beteiligten.

Foreword

(Worum geht es im Re-enactment, wie authentisch geht es, was ist ein Markt und was ein Festival)

Eine gute erste Begriffsbestimmung! Gerade in Deutschland, wo die Gernzen oft fließend sind, macht diese Differenzierung absolut Sinn und ist gut definiert – auch was die Gäste und die Teilnehmer betrifft!
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Stage 1: Preparatory phase

(Gedanken, die es sich zu machen gilt; Projektleitung- und Team; Freiwillige)
Der wichtigste Punkt sind die Freiwilligen – und es ist ausgezeichnet, dass diese in dieser Broschüre auch endlich eine entsprechende Wertschätzung erfahren, auch und erst Recht, was den Umgang mit Ihnen betrifft.

Stage 2: Preliminary phase

(Re-enactor einladen, Bewerbungen; Bedürfnisse der Darsteller verstehen, Regeln aufstellen; ‘Arten’ von Re-enactoren; Internes und Externes Marketing; Programm erstellen)

Stage 3: Moments before the war

(letzte Vorbereitungen und Aufbau; Risiken)

Stage [4]: War phase

(Eröffnung und Durchführung, Kontakt zu den Darstellern und Künstlern, Versorgung der Freiwilligen)

Stage 5: Aftershocks

(Nachbesprechungen)
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Ambitioniert, all diese Punkte vernünftig in derartiger Kürze zu besprechen. Und so kritisch ich auch geschaut habe: Es gelingt! Ein Punkt, der ausdrücklich ausgenommen ist, ist das Budget – das ist verständlich, da sich Preise und Förderungen in jedem Land unterscheiden und sich auch nach der Art des Events richten.
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“How to…” gelingt es, die organisatorischen Gesichtspunkte professionell aufzulisten und so zu besprechen, dass sie dem unbedarften Leser sofort einleuchten. Ein erfahrener Eventmanager wird vielleicht mangelnde Tiefe beklagen, aber diesen Anspruch erhebt die Autorin auch nicht – der selbstgewählte Anspruch wird perfekt erfüllt. Vor allem (und das finde ich persönlich eine ausgezeichnete Idee!) steht auch der soziale und menschliche Umgang im Mittelpunkt – Wie gehe ich mit meinen Darstellern und mit meinen Künstlern um? Wie kann ich ihre Bedürfnisse unterscheiden? Was unterscheidet eine Kämpfertruppe von den üblichen Sitzrittern?
Beruhigend zu lesen, dass auch in Norwegen die Kämpfer zu einer gewissen Lautstärke und Alkoholkonsum neigen, die professionellen Re-enactor hingegen ruhiger sind, sich aber oft über mangelnde Qualität beschweren und divenhaft aufführen. Ein Verhalten, dass Darsteller grenzübergreifend verbindet, mag man meinen. Aber genau das ist das Gute: So wird ein Veranstalter ein Gefühl dafür bekommen, was ihn erwartet und sollte nicht überrascht sein, wenn er einen Profi-Handwerker ins letzte Eck stellt und der sich dann darüber beschwert.
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Wenn man wirklich meckern will, kann man sich beschweren, dass die Broschüre keine didaktischen Ansätze enthält und diese sogar völlig ignoriert. Die Didaktik ist aber auch Sache von Museen. Die Broschüre richtet sich an Leute, die einen Markt aufziehen wollen (mit Schwerpunkt auf Verkauf, Handwerk und Darstellung) oder ein Festival (mit Schwerpunkt auf Lager, touristenfreundlichem Verkauf und viel Musik), nicht an jemanden, der didaktische, methodische oder pädagogische Konzepte erstellen möchte – das muss derjenige dann schon selbst tun und Fachliteratur zur Rate ziehen.
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Für wen sich die Broschüre eignet:
Veranstalter, die einschlägige Vorkenntnisse in anderen Bereichen haben; Re-enactoren, die mal einen Blick hinter die Kulissen werfen wollen; Auftraggeber, die ihrem Projektleiter nicht trauen
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Für wen die Broschüre uninteressant ist: Sitzritter, Hangarounds
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Fazit:
Die Autorin weiß, wovon sie spricht. Organisatorisch und menschlich ist die Lektüre hervorragend. Natürlich wird man nach dem Lesen von 36 Seiten nicht zum Spezialisten, aber es ist eine solide Grundlage, nach der man sich auch als Profi durchaus richten kann. Sie ersetzt keinen Fachmann, hat aber alles Wesentliche auf dem Schirm, was selbst diesem Fachmann mal entfallen kann. Gute Arbeit!
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4,5/5 Punkte, einen kleinen Abzug gibt es lediglich dafür, dass der Fokus auf dem Frühmittelalter liegt – das tut der ausgezeichneten Qualität keinen Abbruch, lässt aber einige Aspekte anderer Zeiten außer Acht. Nicht dramatisch.
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[edit 08.04.2017; kleine kosmetische Änderungen]
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